Eines Morgens war Bart sehr früh auf den Pfoten. Er hoppelte nervös auf der Wiese hin und her. Er konnte es gar nicht abwarten, dass Joyce wach wurde. Bart hatte eine Idee und brannte darauf, sie ihr zu erzählen. Bart war voll in seinem Element und konnte sich gar nicht mehr beruhigen. Langsam torkelte Joyce, gerade aus dem Schlaf erwacht, aus dem Stall zum Wassertrog. Schon gesellte sich der Hase hinzu und redete auf sie ein: „Schäfchen, Schäfchen, guten Morgen. Ich hab so eine tolle Idee.” Joyce hob verschlafen den Kopf, schaute Bart aus müden Augen an und setzte ihren schwerfälligen Gang zum Wassertrog fort. „Du musst Ballettunterricht nehmen”, sagte Bart und hoppelte ganz aufgeregt um sie herum. Joyce schüttelte ihren Kopf, sagte nichts und steckte ihr Maul in den Wassertrog, um ihr morgendliches Wasser zu schlürfen. Sie nahm einen großen Schluck in den Mund, hob den Kopf hoch, gurgelte fleißig, damit die Schafszähne und der Schafsrachen sauber würden, denn Joyce war ein sehr gepflegtes Schaf. Bart redete und redete auf sie ein, nicht nur Joyce solle Ballettunterricht nehmen, sondern auch die Tante von Joyce, Amäählia aus der Wiese Amäährika. Joyce schaute den Hasen nur an und blieb weiterhin ruhig. Wenn Bart einen Ideenanfall hatte, war es am besten zu schweigen und abzuwarten, bis er sich gelegt hatte. Aber Bart war so begeistert und redete emsig weiter auf Joyce ein, sie und Tante Amäählia müssten Ballettunterricht nehmen – und zwar sofort. Bis Mittags hielt Joyce geduldig aus und hörte sich Barts mittlerweile flehenden Bitten wegen des Ballettunterrichts an. Dann griff sie zum Wolltelefon und rief Tante Amäählia an. Sie erzählte der Tante, was Bart so sehr am Herzen lag. Tante Amäählia fand es gar nicht gut, weil sie sich auch ohne Ballett sehr wohl fühlte. „Wozu soll ich altes Schaf Ballettunterricht nehmen? Kann ich deshalb bessere Heukuchen backen? Oder leckereren Graskaffee machen? Nein nein nein”, mähte sie. Tante Amäählia hatte gar nichts mit Ballett im Sinn. Doch Joyce erklärte: Bart würde keine Ruhe geben, bis Joyce und Tante Amäählia Ballettstunden nähmen. „Warum will dieser verrückte Hase ausgerechnet uns zum Ballettunterricht schicken?”, fragte die Tante.
„Es hat keinen Sinn zu fragen”, antwortete Joyce, „der Hase ist im Moment nicht ansprechbar, er murmelt vor sich hin und zählt laufend seine Möhren. Ich mache mir Sorgen um ihn.” Also packte Tante Amäählia eine Wolltasche mit Grasverpflegung für unterwegs und machte sich auf die Reise zu Joyce und Bart. Der Hase lief sofort zum Möhrentelefon und rief Ballettmeister Paolo, das Wiesel, an, der noch nie die interessante Aufgabe gehabt hatte, zwei Schafen das Balletttanzen beizubringen. Schnell fand man sich vor Joyces Stall ein. Paolo begann sofort, den beiden Damen die Grundsätze des Balletttanzens beizubringen, insbesondere sich auf den Hufen zu drehen wie ein Schraubenzieher, natürlich um die eigene Achse. In der Ballettsprache nennt man das Pirouette. Bart hatte Paolo verschwörerisch zugeraunt, dies sei die wichtigste Ballettfigur für die beiden Schafe. Nun muss man wissen, Schafe sind die geborenen Balletttänzer. Sie haben lange Hinterhufe und sehr gelenkige Vorderhufe, die sie als aerodynamische Stütze besonders bei der Ausführung von Pirouetten verwenden können. Und weil sie die edle Technik quasi im Blut hatten, lernten Tante Amäählia und Joyce das Ballett, insbesondere Pirouetten, sehr schnell. Trotzdem war der Tante Amäählia all das nicht ganz geheuer. Sie musste sich mehrmals hinsetzen, weil ihr schwindelig geworden war. Bart nahm zwei große Salatblätter, breitete sie zu einem Fächer aus und fächelte ihr zu, damit Tante Amäählia sich rasch erholte und bald die Übungen fortsetzte. Ballettmeister Paolo war zufrieden mit den Schafmädels und lobte sie sehr. Danach verabschiedete er sich von den Schafen mit vollendeten Hufküssen und ging ganz nach Wieselkavaliermanier in Verbeugungen rückwärts von dannen. Bart hoppelte die ganze Zeit nervös herum und hielt ein Bündel Möhren in der Hand, das er immer wieder neu abzählte, so wie man Geld zählt. Paolo war gerade außer Sicht, da holte Bart hinter dem Stall ein Schild hervor. Darauf stand in großer Schrift: NEU – Tierwaschanlage – geöffnet. Waschen ohne Föhnen 2 Möhren, mit Föhnen 3 Möhren. Joyce und Tante Amäählia verstanden nicht ganz, was Bart vorhatte, und sie bekamen ganz große Augen, als sie sahen, was nun geschah. Die Nachricht von der neuen Tierwaschanlage verbreitete sich wie ein Lauffeuer im Wiesental. Schnell kamen mehrere Eichhörnchen herbeigeeilt, angeführt von dem Alphaweibchen Schnattl, gefolgt von Guido und Klaus, zwei einsamen Pferden von der Wiese Gaulanien, deren größter Wunsch es war, ein kleines Tierchen zu adoptieren. Auch zwei Schweinefamilien kamen herbei, mit ganz dreckigen Ferkelchen, die es besonders nötig hatten, mal richtig gesäubert zu werden, weil sie sich oft und gerne im Dreck wälzten.
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Enten und Gänse flatterten herbei, unter anderem auch die eitle Weihnachtsgans Lena. Auch ein paar Hühner gesellten sich dazu. Alle stellten sich brav in eine Schlange, nachdem sie Möhren in die von Bart bereitgestellte Kiste gelegt hatten. Der Hase hoppelte aufgeregt hin und her, rief Joyce und Tante Amäählia zu, sie sollten sich nebeneinander hinstellen und sich drehen, so wie Paolo es ihnen beigebracht hatte. „Pirouetten“, rief Bart ganz laut, „Pirouetten.“ Jetzt erst begriffen die beiden Schafe, was der Hase so im Schilde führte. Sie sollten nicht tanzen, sondern sich als Schafsbürsten drehen, damit die Tiere zwischen ihnen durchgehen konnten und somit geputzt würden. Da fiel ihnen vor Überraschung die Maulklappe runter. Dieser elende Hase, dachte Joyce bei sich, was der sich bloß immer ausdenkt. Bart hatte Joyce und Tante Amäählia regelrecht überrumpelt. Also stellten sich die beiden Schafe hin, begannen sich zu drehen, wie Paolo es ihnen beigebracht hatte, und alles lief wie von Bart geplant. Die Tiere zwängten sich zwischen ihnen durch, sodass Joyce und Tante Amäählia sie mit ihrer Wolle sauber schrubbten. Dabei wirbelten sie gehörige Staubwolken auf. Besonders dreckig wurde es, als die Schweinefamilie mit den Ferkelchen die Tierwaschanlage durchlief. Doch sie selber kamen blitzblank sauber durch die Schafsbürsten wieder raus. Bart war außer sich vor Freude, machte Luftsprünge und rupfte Grasbüschel aus. Er wirbelte sie durch die Luft und schrie dabei: „Wir werden reiiich, reiiiiiiiich, reiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiich!” Viele Tiere aus der Gegend kamen herbei und nahmen das tolle Putzangebot wahr. Die Enten und Gänse waren etwas penibel und bestanden darauf, dass ihre Federn von Bart höchstpersönlich geföhnt würden. Der Hase hatte Lou, seinen Spielzeugelefanten, bereitgestellt und dieser kam dann zum Einsatz. Bart bewegte den Hebel an Lous Bauch und Lou pustete Luft aus dem Rüssel. Die Enten und Gänse bedankten sich mit einer Extramöhre. Die Möhrenkiste wurde immer voller. Bart schlug vor lauter Freude Purzelbäume. Mehrmals musste Tante Amäählia sich hinsetzen, weil ihr vom Drehen schwindelig geworden ware. Schnell eilte Bart mit den zwei Salatblättern herbei und fächelte ihr frische Luft zu, sodass Amäählia ihre Schwäche wieder überwand. Man sah den Hasen nur noch hoppelnd. Er lief zwischen den Tieren herum und immer wieder zur Möhrenkiste. Dort zählte er die Möhren bis Pfümpf, denn Hasen können nur bis Pfümpf zählen. Das macht aber nichts, weil immer wieder von Neuem bis Pfümpf zu zählen, macht auch Spaß. Und dann rannte er schnell zu den Tieren zurück. Und immer hin und her. Der Hase war nicht mehr zu bremsen. Immer wieder riss er Gras aus dem Boden, wirbelte es in die Luft und schrie: „Wir werden reiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiich reiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiich!” Es wurde Abend. Das Sonnenlicht dämmerte nur noch am Horizont, die letzten Tiere machten sich geputzt auf den Heimweg, Joyce und Tante Amäälia sackten zusammen. Sie waren fix und fertig. Die schöne Wolle der beiden war völlig verfilzt und schmutzig. Die Tiere waren allerdings sauber. Barts Rechnung ging auf. Aber der Dreck der Tiere steckte bei Joyce und Tante Amäählia in der Wolle. Sie krochen zum Wassertrog und fielen hinein. Dort lagen sie wie in einer Badewanne und ließen das Wasser in die Wolle einziehen, um den Dreck aufzuweichen. Sie waren beide richtig sauer und redeten kein Wort mit dem Hasen. Dieser stand daneben und verstand überhaupt nicht, weshalb die Schafe sich nicht freuten. Schließlich war doch die Idee ein Volltreffer. Alle Tiere der Umgebung fanden die Tierwaschanlage ganz toll. Die Möhrenkiste lief über vor lauter schönen Möhren, der Preis für die Waschanlage. Insbesondere die eitlen Enten und Gänse schnatterten, sie würden öfter wiederkommen und versprachen viel Möhrentrinkgeld, weil ihnen der Föhnservice ausgesprochen gefiel. Nein, der Joyce und Tante Amäählia gefiel diese Aktion überhaupt nicht. Sie fanden das alles überhaupt nicht gut. „Das werden wir nicht noch mal machen”, jammerten beide, während sie im Trog lagen. Da halfen auch Barts Einwände nicht, dass sie alle „reiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiich” würden. „Hase”, sagte Joyce mit strenger Stimme, „wir haben doch schon alles. Wir haben so viel Gras auf der Wiese, dein Acker ist voller Möhren, alles, was wir brauchen, ist in Überfluss vorhanden. Nur haben wir jetzt kein sauberes Wasser mehr und unsere schöne flauschige Wolle ist total verflitzt. Deine Möhrenkiste ist zwar voll, aber so viele Möhren kannst du gar nicht essen. Ich fürchte, sie werden verfaulen”, sagte Joyce erschöpft. Allmählich begriff Bart, dass seine Idee zwar gut für die Tiere der Umgebung war, aber sehr schlecht für Joyce und die arme Tante, der immer noch schwindelig war, obwohl sie sich gar nicht mehr drehte. Die Schafe waren immer noch erschöpft, als sie sich aus dem Wassertrog rollten. Die Wolle war wieder sauber, aber das Wasser im Trog war verschmutzt. Mit letzter Kraft schafften Joyce und Tante Amäählia, den Trog auszukippen. Dann nahm Tante Amäählia wortlos ihre Wolltasche und lief schwankend zurück nach Amäährika, während sie Dinge murmelte, die Bart besser nicht hörte. Auch Joyce schleppte sich zum Stall, konnte sich aber nicht ins Heubett legen, sonst hätte sich wieder Staub an ihrer nassen Wolle verfangen. Sie musste erst eine Weile trocknen.
Und der Trog? Der war leer. Nun hatte der Hase endgültig seinen Fehler begriffen. Joyce hatte kein Wasser zum Trinken, wenn der Trog leer war. Kleinlaut stellte Bart eine leere Möhrenkiste neben die Regentonne, die immer voll mit frischem Wasser war, und schöpfte unter großen Anstrengungen Wasser aus der Regentonne in den Trog um. Anfangs lief er zügig und mit vollem Holzeimer zum Trog, doch von Mal zu Mal wurde der Eimer mit dem Wasser für den kleinen Hasen schwerer zu tragen, seine Schritte wurden immer langsamer. Der Trog füllte sich quälend langsam. Joyce musste sich vom Pirouetten-Marathon erholen. Sie lag am Stalleingang im Gras und ließ ihre Wolle trocknen. Sie bekam mit, wie Bart sich abmühte und wortlos den Holzeimer bis zum Trog und wieder zurück schleppte. Obwohl es für den Hasen immer schwerer wurde, arbeitete er tapfer weiter. Joyce stand auf, schüttelte sich kurz, ging in den Stall und holte einen größeren Eimer. Es dauerte nicht lang und mit ihrer Hilfe war der Trog wieder voll. Bart senkte sein Haupt und traute sich gar nicht, Joyce ins Gesicht zu sehen. Er hoffte sehr, Joyce würde ihm nicht lange böse sein. Das kluge Schaf nahm seinen Hasen in den Hufarm, und als Bart dann sein Gesicht an ihre Wolle schmiegte, wusste Joyce, dass der Hase seinen Irrtum längst bereute. Erschöpft legten sich beide ins Heubett. Joyce schlief mit dem tröstlichen Gedanken ein, dass sie manchmal eine Dummheit von Bart erdulden musste, um ihn vor noch größeren Dummheiten zu bewahren. Aber sie lächelte stolz, als sie sich erinnerte, wie geschickt Tante Amäählia und sie die Pirouetten gedreht hatten. Dieses Geschick hatten die Schafsdamen im Blut. Doch Joyce hatte viel mehr geschickte Eigenschaften, aber das sind wiederum andere Geschichten.
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